Connys Welt … oder "higher than heaven" ;-)


Der Konfirmationsspruch, den ich mir damals ausgesucht habe, lautete:

„In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

(Joh. 16,33).

Passt ja super zu mir!

Manchmal kommt sie wie angeflogen, setzt sich zentnerschwer auf die Brust, verhindert das Atmen, lässt das Blut dröhnend laut in den Ohren rauschen wie die Niagarafälle, zieht gleichzeitig schwer und dickflüssig durch den Körper und blockiert alle vernünftigen Gedanken …… die Angst! Dann geht gar nichts mehr! In ein und demselben Moment möchte ich gleichzeitig fliehen, mich verstecken oder vergraben, drauflosstürmen, die Angst anschreien oder zuschlagen und bin doch einfach nur starr und steif, oft schwindelig und kurz vor der Ohnmacht.  Fühle mich klein, überfahren, hilflos, machtlos. Logisch kann ich das nicht erklären. Mein Inneres schreit spontan und stumm nach einem Retter, der mich aus dieser Situation herausholt, in den Arm nimmt, behütet und beschützt. Der Retter aber kommt nicht. Ich bin alleine mit meiner Angst! Und das war ich schon immer.

Auch als Kind hatte ich oft Angst. Ich habe Angst vor der Dunkelheit. Die Tür zum Kinderzimmer, in dem ich als ca. 3 – 5jährige mit meiner Schwester schlief, musste immer einen kleinen Spalt aufbleiben, solange ich alleine im Zimmer war, damit ein winziger Lichtschein zu erkennen war. Ich fürchtete mich vor den wilden Tieren und Gestalten, die in meiner Phantasie neben meinem Bett auftauchten.  Nachdem ich 5 Jahre alt war und wir umgezogen waren, wurde die Türe  zum Mittagsschlaf und Nachts immer geschlossen, ohne Ausnahme. Ich durfte auch dann auch nicht mehr heraus.  Ich erinnere mich noch sehr gut an  eine von meinem Vater gebastelte Tigermatte, die in der Diele an der Wand hing. Vor der hatte ich besonders viel Angst. Meine Schwester erzählte mir vor ein paar Wochen, dass ich irgendwann  mal so viel geschrieen und Theater gemacht, dass sie abgenommen und versteckt werden musste.  Wie oft habe ich mich alleine in den Schlaf geweint? Und wenn meine Schwester im Zimmer war, bin ich zu ihr ins Bett gekrochen. Oft hat sie mich wieder rausgeschmissen, weil sie für die Schule früh aufstehen musste. Manchmal habe ich mich dann einfach stur vor ihr Bett auf den Boden gelegt. Meine Güte, muss ich eine echte Plage gewesen sein.

Ich habe Angst davor, Schwäche zu zeigen, weil ich für Schwäche  immer bestraft worden bin. Als Kind war ich sehr schüchtern. Nur sehr selten habe ich mich getraut, jemanden anzusprechen und nach irgendwelchen Dingen zu fragen. Meine Mutter hat damals immer die Krise gekriegt. Ganz egal, ob ich alleine einkaufen gehen sollte und ich mich sorgte, ob ich denn das Richtige in den Wagen packe, wo doch alles gleich aussieht oder ob ich an der Fleischtheke mit den Verkäufern sprechen musste. Ich bin vor Angst davor fast gestorben, weil ich mir total unfähig vorgekommen bin und eigentlich von nichts eine Ahnung hatte, sondern nur vom Zettel ablesen konnte. Es war ja damals auch so, dass man Kindern nicht viel erklärt hat. Die mussten parieren und fertig. Wenn das irgendwo stand, dann stand das so. Da durfte nicht gefragt werden, wie das aussah oder woran man das erkennt oder so. Es wurde buchstabengetreu (sofern man lesen kann) eingekauft. Und wenn man es nicht lesen konnte, musste die Verkäuferin gefragt werden.  Ich fand es immer schrecklich, zum Einkaufen geschickt zu werden und hatte furchtbare Panik davor. Das war für mich jedes Mal ein Höllentrip. Aber es half ja nichts. Da musste ich durch. Meine Mutter hat durch mich mit Sicherheit sehr viele graue Haare gekriegt. Ihr ist auch manchmal die Hand ausgerutscht. Sie konnte das alles nicht verstehen.

Ich hatte auch Angst vor der Schule und vor den Mitschülern. In der Grundschule war noch alles fast normal, bis auf die Tatsache, dass die meisten Schüler sich schon aus dem Kindergarten kannten, in den ich nie gehen durfte. Ich kannte nur die Kinder, die in meinem Block gewohnt haben. Und irgendwie war ich damals schon ein Außenseiter. Ich wollte immer schon viel lernen und aufpassen, habe aber auch in meiner eigenen Welt gelebt. So war ich auf dem Schulhof auch immer ziemlich alleine, was mich aber nicht sonderlich gestört hat, weil ich so meinen Gedanken nachgehen konnte. Ich war immer schon anders als die anderen.  Die Grundschule musste ich 1 x wechseln, weil wir umgezogen sind. Freundschaften haben da nicht gehalten. In der Hauptschule versuchte ich, normal wie die anderen zu sein. War ich aber wohl irgendwie nicht. Schnell wurde ich zum Ziel von Spott und Schlägen und verbrachte die meisten Pausen auf dem Schulklo. Nach einem halben Jahr in der 5. Klasse zog ich mit meiner Mutter  und ihrem Freund und späteren Ehemann ins Sauerland. Dort war ich natürlich noch fremder und konnte noch nichtmal ihre Sprache, woll? Auch hier brachte mich meine merkwürdige und fremde Art sofort an den Rand der Gruppe. Meine Kleidung war nicht modern, ich kannte mich mit den aktuellen Ausgaben der BRAVO nicht aus, war nicht gewohnt, in Shoppingcentern abzuhängen oder Freizeitaktivitäten wie Disco usw.  zu machen. Ich wollte lernen,  fragte nach und war an vielen Dingen interessiert, die Lehrer mochten mich – das reichte schon, um ständig verprügelt und gemobbt zu werden. Ich ging mit Angst zur Schule, verbrachte mit Dauerangst den Tag, die Pausen voller Angst auf dem Klo, weil ich nicht mal da meine Ruhe hatte, ging voller Angst nach Hause, ständig verfolgt und auf der Flucht. Ich hatte in den Jahren zwar ein paar Freundinnen, die ebenfalls Außenseiter waren und andere Schulwege hatten und mir aber auch während der Prügel nicht zur Seite standen, um nichts abzukriegen.  Zur 2. Hälfte der 10. Klasse, die ich damals noch freiwillig gemacht habe, bin ich zurück nach Rheinhausen gezogen, weil meine Mutter gestorben war und ich es bei meinem Stiefvater, der mich thyrannisierte, nicht mehr ausgehalten habe – und war damit wieder einmal fremd. Ich wurde zwar nicht mehr so oft verhauen, aber vorher wusste ich ja nie, ob jemandem eine Laus über die Leber gekrochen ist oder nicht.

Warum ich mich nicht gewehrt habe? Das habe ich versucht. Als ich so ca. 5 oder 6 Jahre alt war, hat mich eine Gruppe Kinder vor unserem Haus in den Büschen verhauen. Warum, weiß ich nicht mehr. Irgendwann lag ich am Boden, ohne Chance.  Unsere Straße wurde gerade frisch gepflastert.  Meine Hand fand einen Pflasterstein, den ich meiner Peinigerin gegen den Kopf geschlagen habe. Platzwunde. Eltern kamen. Polizei kam zu uns nach Hause. Stubenarrest. Schläge. Peinlichkeik und Scham. Danach habe ich mich nicht mehr gewehrt.

Ich habe Angst davor, jemanden mit meinen Problemen zu belasten, weil das so ziemlich mit das Schlimmste ist, was man jemanden zumuten kann.  So habe ich es gelernt.  Niemand dufte über meine bzw. unsere Probleme wissen. Alles blieb immer hinter verschlossenen Türen und muss alleine geregelt werden. Allernotfalls durfte ich etwas ganz zart andeuten, mehr auf keinen Fall. Alles andere hatte heftigste Konsequenzen.  Das ist z.T. heute immer noch so. Innerhalb meiner Geschwister ist es so, dass ich mit meinen Problemen (Depression, finanzielle Probl.,  usw.) alleine bin und nicht bzw. nur im allergrößten Notfall darüber sprechen darf.  Mir wurde und wird gesagt, dass alle ihre eigenen Probleme haben und davon nichts hören wollen. Außerdem habe ich ja alles selbst verschuldet. Eine andere Aussage ist, dass ich eben zu nah am Wasser gebaut bin, zu schwach bin, eine Heulsuse bin und immer schon Problemchen gehabt hätte.

Das stimmt auch. Aber ich bin auch stark und mutig. Ganz oft habe ich die Leute angeführt und bin vorausgegangen – trotz aller Angst. Nach der Schulzeit mit neuen Menschen um mich herum, die nichts von meiner Vergangenheit wussten, ging das.  Aber die Angst ist IMMER da. Vor irgendetwas habe ich immer Angst. Im Büro hatte ich Angst vor dem Telefonieren und vor Fragen, die ich nicht beantworten kann. Ich habe Angst davor, englisch zu sprechen, obwohl ich es mal geliebt habe. Mein Kopf verweigert sogar manchmal, englisch zu lesen. Und es gibt immer mehr Dinge, vor denen ich Angst oder sogar Panik habe. Jetzt traue ich mich nicht mehr auf Rolltreppen, auch nur sehr schwer und mit höchster Not über normale, freihängende Treppen, über Glasübergänge, über Brücken. Höhenangst hatte ich sowieso schon immer und unter die Erde kann ich auch nicht gehen. Glasaufzüge gehen nur mit geschlossenen Augen,  Seilbahnen oder Gitterroste zum Drüberlaufen an Ausflugsorten gehen gar nicht. Angst vor Spinnen und ähnlichen Viechern habe ich auch, sofern sie in der Wohnung sind.  Angst vorm Telefonieren mit Fremden oder halbfremden Leuten habe ich auch. Manchmal habe ich Angst vor Briefen oder davor, Entscheidungen zu treffen, weil ich nie wirklich weiß, ob ich korrekt handle.  Manchmal habe ich sogar Angst vor dem Schlafen.

Ich habe versucht, mich einigen Ängsten zu stellen und das mutig durchzustehen oder mit Gelassenheit und Entspannung anzugehen. Aber unvermittelt und ohne Vorwarnung bekomme ich immer wieder  das Gefühl, ich würde ohnmächtig, mir wird grottenschwindelig und übel, die Beine sacken weg  und ich fühle mich wie kurz vor dem Herzinfarkt oder drehe fast durch innerlich. So bleibt mir mittlerweise nur noch, diese Situationen zu vermeiden, um irgendwie über diese Phasen zu kommen.

Und natürlich habe ich auch ein bisschen Angst davor, diesen blog zu schreiben und vieles über mich sichtbar zu machen. Ich habe Angst vor Kritik und Abwertung, habe auch Angst vor eurer neuen Meinung über mich, besonders, wenn ihr mich immer für stark und souverän gehalten habt.  Aber das alles sind Seiten von mir, die vorhanden sind. Ich bin MEHR als nur ….. .

Ich bin Conny – und vielleicht ist da irgendwo versteckt in mir auch noch die starke Cornelia. Die Hornträgerin (na klar, als Vollblut-Widderfrau), die mit dem Kopf durch die Wand geht und gar nicht bemerkt, dass die Türe direkt daneben weit offen steht.

Und eins weiß ich sicher – dieser Spruch da oben mag ja mein Konfirmationsspruch gewesen sein – aber er wird ganz sicher nicht in meiner letzten Anzeige stehen! Bis dahin habe ich das durch!

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