Connys Welt … oder "higher than heaven" ;-)


Ich bin unendlich traurig.

Meine frühere Nachbarin und beste Freundin ist gestorben. Habe heute den Totenbrief bekommen. Bin total durch den Wind. Obwohl sie so alt war und wir jederzeit damit rechnen mussten,  bin ich sehr, sehr traurig.

Liebe Leni
Bevor du vor ein paar Jahren leider in ein Pflegeheim gekommen bist, haben wir sehr viele wunderbare Jahre zusammen verbracht. Du hast schon hier gewohnt, als wir 1981 in diese Wohnung gezogen sind. Damals war ich fast noch ein Kind, hatte meine halbe Kindheit auf einem Dorf verbracht und von nichts eine Ahnung. Meine Mutter war noch keine 2 Jahre tot, ich musste zu meiner Schwester ziehen und komplett von vorne anfangen. Völlig verstört wagte ich hier meine Schritte in ein neues Leben.  Dein Mann (R.I.P.) meinte damals, ich wäre stur und stolz, aber du hast sofort gesehen, dass ich einfach nur Angst hatte und mich unter deine Fittiche genommen. Nach und nach wurden wir Freundinnen. Beste Freundinnen sogar – trotz des großen Altersunterschieds. Als dein Mann von dir ging, wurde die Freundschaft noch größer und wir haben uns über alles Mögliche unterhalten können.

Als meine Tochter geboren wurde, warst du ganz aus dem Häuschen. Zusammen mit unserer lieben türkischen Nachbarin, die selbst auch 2 allerliebste Kinder hat, wurde wir 3 Frauen noch bessere Freundinnen und haben unzählige Stunden damit verbracht, bei dir Kaffee zu trinken und zu quatschen. Ich vergesse nie, wie wir immer unten auf der Wiese gesessen und die Sonne genossen haben. Du hast deinen allerbesten Eiskaffee gemacht und deinen tollen gedeckten Apfelkuchen – und wir haben immer soooo viel gelacht. Ganz oft bist du mit uns in unseren Kleingarten mitgekommen und hast auch dort viele Feste mit Freunden gefeiert. Meine Tochter liebt dich wie ihre Oma und das ist auch kein Wunder. Du warst die Erste, bei der sie als kleines Kind übernachten durfte. Du hast ihr Mau-Mau beigebracht und sie ganz oft in deinem kleinen Zimmer Videofilme schauen lassen. Du hast auf sie aufgepasst, wenn wir mit dem Verein weggefahren sind.

Du  warst in jungen Jahren Model und eine sehr gute Schneiderin. Der Krieg hat auch dir natürlich sehr zu schaffen gemacht. Du hast oft davon erzählt, wie deine Kindheit und Jugend war und von deinen Träumen und Wünschen, von deiner Familie und deinen Freunden. Und von deiner Liebe. Du hast es immer gerne und sehr lebendig erzählt – es war für mich fast so, als wäre ich selbst dabei gewesen. Ich kenne deine ganze Familie, deinen Sohn nebst Frau, deine Enkelkinder, die hier vom dem Haus immer Pferdchen gespielt haben. Deine holländische Familie Rosemarie und Erwin waren auch immer gerne und lange bei dir und auch wir haben uns angefreundet. Die beiden waren auch Anfang der 90er so verrückt mit mir, dass sie mich angerufen haben, weil JOHNNY LOGAN in Rotterdam auftreten sollte, den ich damals noch nie real gesehen habe. Sie haben sofort 2 Karten für mich und meinen Ex bestellt. Der hat sich zwar quergestellt und wollte es mir verderben, aber du hast sofort geschaltet und gesagt: „Sach bloß (das war dein Lieblingssatz 🙂 )! Wenn DER meint, dass du jetzt nicht fahren kannst, weil du aufs Töchterchen aufpassen musst, dann machen wir ihm einen Strich durch die Rechnung. Das wäre doch gelacht. Wenn er nicht will, fahre ich halt mit dir nach Rotterdam – und die Kleine nehmen wir mit. “ Dann hast du mit deiner Familie alles klar gemacht, wir sind in den Zug gestiegen und nach Rotterdam gefahren, obwohl du da auch schon über 70 warst. In Rotterdam wolltest du aber dann doch nicht mehr mit zum Konzert – aber der liebe Erwin ist dann mit mir zu Johnny gegangen und hat auf mich aufgepasst, während ihr Frauen euch liebevoll um meine Tochter gekümmert habt. Die Kleine hat das Abenteuer sehr genossen. Als wir vom Konzert kamen und ich völlig verheult mit meinem allerersten Autogramm von Johnny ankam, der mich sogar noch in seine Garderobe hat kommen lassen, wo ich fast 1 Stunde bleiben durfte, hast du mit Rosemarie sofort einen wundervollen Silberrahmen organisiert. Das Autogramm ist immer noch drin, liebe Leni. Und ich bin so froh und glücklich, dass du diesen besonderen Moment mit mir geteilt hast. Den ganzen Rückweg und noch weitere 3 Wochen habe ich fast nur geheult, weil mich dieses Treffen so glücklich gemacht hat – und du hast alles verstanden und mich immer in den Arm genommen. Ich konnte immer zu dir kommen – mit allem, was ich hatte. Und umgekehrt genauso. Du hast auch während der schlimmsten Phase und  dem Ende meiner Ehe zu mir gestanden. So manches Mal hatte ich meinen Notkoffer bei dir deponiert, wenn Zuhause alles unerträglich war und über mir zusammenzubrechen schien.  Du warst immer für uns da.

Ich bin auch  froh und dankbar, dass du mit das Nähen beigebracht hast. Bei jeder Gardine, die ich nähe, denke ich an – auch heute noch – und habe deine Worte dazu im Kopf und danke dir dafür. Bei jedem Einkauf denken wir an dich, wenn wir Weißbrot sehen – oder Stachelbeermarmelade, weil du das jeden Nachmittag gegessen und uns sehr oft dazu eingeladen hast. Bei jedem gedeckten Apfelkuchen denken wir an dich. Und wir werden auf dich trinken, liebe Leni. Ich besorge Gerri-Orange und Mariacron, so wie du das gerne getrunken hast als Schlummertrunk – und dann werde ich auf dich anstoßen. So habe ich es dir damals versprochen, als du deinen Sterbefall geplant hast und mir einige Versprechen abgenommen hast.  Du hast alles schon vor zig Jahren geregelt und organisiert und du hast mit mir darüber gesprochen. Auch dafür danke ich dir, da du mir dadurch gezeigt hast, wie man mit dem Tod umgehen kann. Auf deiner Karte steht: „Nichts stirbt, was in Erinnerung bleibt“ – du bleibst für immer in unserer Erinnerung! Auf deiner Karte sind ganz schwache Fußabdrücke zu sehen, die auf einen schwachen, fast unsichtbaren Hintergrund zulaufen. Liebe Leni – du läufst nicht alleine. Dein lieber Mann wird auf dich warten – wie du es dir gewünscht hast und unsere Gedanken sind bei dir. Wir werden auch den letzten Weg mit dir gehen. Leider hast du uns in den letzten Jahren nicht mehr erkannt. Du hast gemeint, ich wäre deine beste Freundin, die mit dir zusammen die Schneiderlehre gemacht hat. Danke, liebe Leni.

Meine Tochter ist jetzt schon erwachsen und auch aus unseren Nachbarskindern sind ganz wunderbare Erwachsene geworden. Wir haben immer noch sehr guten Kontakt und reden immer wieder von den schönen Zeiten, die wir miteinander geteilt haben. Jedem von uns fallen zu jedem Satz noch 100 Anekdoten ein. Wir haben die gemeinsame Zeit alle sehr genossen und es hat jeden von uns bereichert.

Danke, liebe Leni

Danke für deine Freundschaft

Danke, dass es dich gab

R.I.P. – wir sehen uns wieder

22.01.1921 – 11.07.2015

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Kommentare zu: "R.I.P. liebste Leni, liebe Freundin" (2)

  1. Was für eine liebevolle Hommage an Leni.
    Das hast du wunderbar geschrieben.
    Möge sie in Frieden ruhen.

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